Der Alltag in einem Profi-Reitstall

Gastbeitrag von Helena Timmermann-Spallek

equivision photography Hallo und willkommen zu meinem ersten Gastartikel hier auf Webdesign horses&web. Mein Name ist Helena und ich wurde eingeladen, hier über meine Erfahrungen zu schreiben, die ich letzten Sommer in einem professionellen Reitstall gemacht habe.

Seit ich klein bin, gehören Pferde zu meinem Alltag. Mein Herz schlägt eigentlich für die Dressur, aber in den letzten Jahren bin ich auch immer mehr mit der Pferdezucht in Berührung gekommen, da meine Familie dieser schon seit über 15 Jahren nachgeht. Mein größter Traum ist es, in Zukunft einen eigenen Stall mit einigen Zuchtstuten, aber auch mit mehreren Dressurpferden, vor allem Youngstern, zu betreiben. Jedoch auch wenn ich seit mehr als 20 Jahren jeden Tag im Pferdestall verbringe und Erfahrung im Umgang mit Pferden und Jungtieren habe, ist es etwas ganz anderes, einen professionellen Stall zu führen. Deshalb war es für mich wichtig zu lernen, wie der tägliche Ablauf in einem Profibetrieb funktioniert.

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Auf der Website yard & groom suchte ich daher nach einem passenden Job in einem professionellen Reitstall. Die Vielfalt der Jobs dort ist riesig, man kann zwischen verschiedenen Ländern wählen und welche Art von Arbeit man machen möchte. So fand ich recht schnell das Jobangebot von Magic Stables in Laren, Niederlande, die eine Stallhilfe für den kommenden Sommer suchten. Die Magic Stables gehören Justine Mudde und ihren Eltern und werden von ihnen geleitet. Ich dachte, das wäre eine tolle Gelegenheit, auch weil es möglich war, mein eigenes Pferd, Albus, mitzubringen und mit Justine zu trainieren. Ich bewarb mich für den Job und schon bald kam die Antwort, dass sie mich wirklich gerne dort haben würden.

Am ersten Wochenende im Juni kamen Albus und ich in Laren an. Justine und ihre Eltern stellten mir zunächst ihren schönen Stall vor und dann konnten wir uns ein wenig von unserer Reise aus Deutschland erholen, bevor ich am darauffolgenden Montag mit der Arbeit begann. Mein neues Zuhause war das Appartement über dem Reiterstübchen der Reithalle. Die Wohnung war so gemütlich und das Beste daran war, die Pferde so nah bei sich zu haben.Paddock

An diesem Abend lud Justine mich zum Pizzaessen in ein kleines italienisches Restaurant in Laren ein und ich konnte ihr schon ein paar Fragen über sie und den Stall stellen, um alles ein bisschen besser kennenzulernen. Am Montag, meinem ersten Arbeitstag, traf ich Benedetta, eine Italienerin, die permanent im Magic Stables arbeitet. Sie zeigte mir, wie die Dinge im Stall gehandhabt werden und führte mich in den allgemeinen Tagesablauf ein.

In der Regel begann der Arbeitstag für mich um 8 Uhr morgens, an wirklich heißen Tagen bereits um 7 Uhr. Meine erste Aufgabe war es nach allen Pferden zu sehen ob alles in Ordnung war. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Frühstück aus Heu und Kraftfutter bekommen. Der nächste Schritt war, die Pferde mit Gamaschen und Hufglocken vorzubereiten und sie für 40 Minuten in die Führanlage zu stellen. Die Führanlage der Magic Stables war eigentlich für 6 Pferde gemacht, aber wir stellten immer nur 3 Pferde auf einmal in die Führanlage, mit einem Zwischenraum als Sicherheit. In der Zwischenzeit mistete ich die Boxen aus und brachte die Pferde nach der Führanlage auf das Paddock. DressurviereckBei gutem Wetter konnten alle Pferde auf die Weide gehen, ansonsten wurden sie nachmittags am Strick grasen gelassen. Mittags gegen 13 Uhr bekamen die Pferde wieder Heu.

Justine hatte für jeden Tag einen Plan, wann sie welches Pferd reiten wollte. So war es auch meine Aufgabe, die Pferde zum Reiten oder Longieren vorzubereiten. Dabei war es wichtig, dass zwischen den Zeiten, in denen sie herauskamen, genügend Zeit lag. Nach dem Reiten wurden die Pferde abgespritzt oder mit warmem Wasser und einem Schwamm abgewaschen. TrainingAuch das Zaumzeug wurde täglich gereinigt und die Sättel einmal in der Woche eingefettet. Daneben war es auch wichtig, den Stall, die Weiden und die Reitplätze sauber zu halten. Die letzte Aufgabe meines Arbeitstages bestand darin, die Führmaschine für den nächsten Tag vorzubereiten, sie abzuäppeln, den Boden zu rechen und zu wässern.

Wenn am Nachmittag alles erledigt war, konnte ich mein eigenes Pferd reiten und trainieren. Zweimal pro Woche hatte ich Unterricht bei Justine, und mein Pferd und ich haben uns in diesem Sommer wirklich sehr verbessert! Abends bekamen die Pferde von den Stallbesitzern noch einmal Kraftfutter und Heu. Meine Aufgabe war es dann vor dem Schlafengehen ein letztes Mal nach den Pferden zu schauen und je nach Wetterlage die Decken zu wechseln.Ausritt

Was mir an den Magic Stables am besten gefallen hat, war, dass das gesamte Team sich immer die größte Mühe gegeben hat, das Beste für die Pferde zu tun und alles sicher zu machen und die Pferde gesund zu halten. Richtig toll fand ich auch, dass immer alles sauber war und die Reitplätze top gepflegt waren und einen super Reitboden hatten. Die Bedingungen für das Training hätten nicht besser sein können!

Zweimal pro Woche hatte ich einen Tag frei. An diesen Tagen konnte ich die Gegend erkunden, in die Nachbardörfer oder nach Amsterdam fahren. Justine und ich haben auch ein paar wirklich schöne Dinge zusammen unternommen, sie hat mich zu einer Bootsfahrt auf ihrem Boot und zu ihren Kursen und Wettbewerben mitgenommen oder wir waren in einigen schicken Restaurants im Dorf essen. Ich habe also nicht nur neue Erfahrungen im Umgang mit Pferden und beim Reiten gesammelt, sondern auch eine neue Freundin gewonnen, mit der ich immer noch in engem Kontakt stehe. Wenn ich also einen Rat brauche, vor allem auch mit meinem Pferd, kann ich ihr immer schreiben oder sie anrufen. Der Plan ist, weiter gemeinsam zu trainieren, wenn es bedingt durch Corona wieder möglich ist, und darauf freue ich mich schon sehr!

Und schließlich gab mir Justine die Möglichkeit, in Vorbereitung auf diesen Artikel, ein Interview mit ihr zu führen.

 

Justine MuddeHallo Justine, kannst du dich kurz vorstellen?

Hallo, mein Name ist Justine Mudde, ich bin 26 Jahre alt. Ich bin in Laren (Niederlande) aufgewachsen, wo sich der Dressurstall befindet, in der Nähe von Amsterdam. Ich war immer von Pferden umgeben, meine größte Leidenschaft. Diese Leidenschaft wurde zu meinem Beruf, nachdem ich die Masterclass Deurne und die KNHS Orun Stufe 4 abgeschlossen hatte. Ich bilde jeden Tag Reiter und Pferde aus, vom Anfänger/3 Jahre alt bis zum Grand Prix.

Kannst du etwas zu deinem/eurem Betrieb/Stall sagen, wie groß ist euer Betrieb, was bietet ihr an?

Der Betrieb, den ich führe, ist ein Familienbetrieb. Ich bilde die Pferde aus und meine Eltern kümmern sich bestens um alles, was mit meiner Aufgabe zu tun hat. Wir haben 14 Boxen, eine Reithalle und einen Außenplatz, eine Führanlage, zwei Paddocks, mehrere Koppeln und eine Wohnung für einen Angestellten. Ich biete verschiedene Dinge an, wie z.B. Beritt (mit verschiedenen Zielen), Pferdeverkauf, Ausbildung von Pferden, Reitunterricht und Turnierbetreuung.

Auf der WeiseWie ist der tägliche Ablauf bei euch und wer übernimmt welche Aufgaben? Wie sind die saisonalen Unterschiede im Ablauf?

Im Laufe des Tages kommen die Pferde 3 bis 4 Mal am Tag raus. Ich habe eine Helferin im Stall, die sich um das Satteln, Füttern und Herausnehmen der Pferde aus der Box kümmert. Während sie dies tut, reite ich den ganzen Tag, danach gebe ich Unterricht. Die saisonalen Unterschiede sind, dass ich im Sommer, wenn es sehr warm ist, gegen 5 Uhr morgens mit dem Reiten anfange. Die Pferde kommen auf die Weide, bevor es zu heiß wird, sie bekommen eine kleine Siesta und danach kommen sie für eine weitere Bewegung raus. Um die Felder gut und die Pferde sicher zu halten, lassen wir sie nie auf die Weide, wenn das Gras nass und rutschig ist. Wir lassen sie am Strick Gras fressen, stellen sie auf das Paddock, benutzen die Führanlage, longieren locker und, wie immer, trainiere ich sie. Wir stellen immer sicher, dass es genug Abwechslung gibt, damit sie sich nicht langweilen.

Was ist das Ziel, was treibt dich an?

Was mich antreibt, ist, mein Wissen zu verbessern. Ich strebe immer nach dem Besten. Die besten Ergebnisse, die ehrlichste Art der Entwicklung/Ausbildung der Pferde, mit viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt, Glück und Gesundheit für jedes Pferd. Dies ist ein nachhaltiger Weg, um ein Pferd so gut wie möglich auf dem Markt anzubieten.

Grand PrixGibt es für die Zukunft Pläne, für euren Betrieb, für deine Reiterei, was möchtest du/ihr erreichen und wie setzt ihr/du es um?

Wir setzen uns immer gemeinsam Ziele, wir arbeiten mit kurz- und langfristigen Zielen. Für jedes Pferd habe ich das gleiche Ziel, so viel zu erreichen, wie es für sie möglich ist. Manchmal habe ich dafür Jahre Zeit, manchmal nur ein paar Monate, aber ich will in der zur Verfügung stehenden Zeit immer das Beste herausholen. Wenn ich Jahre habe, bevor das Pferd verkauft wird, arbeite ich an meinen eigenen Zielen. In den Grand Prix Wettbewerb zu kommen. Ich liebe Tiere und das Draußensein, aber ich liebe auch den Wettkampf. Eine meiner größten Freuden ist es, an schönen Turnieren teilzunehmen. Für den Betrieb fokussiere ich mich jetzt mehr auf Pferde, die verkauft werden können.

Wie geht ihr betrieblich/beruflich mit der Corona Krise um und beeinträchtigt es den Ablauf in eurem Betrieb?

Ich glaube, Corona hat einen schlechten Einfluss auf den Verkauf von Pferden an Leute in der ganzen Welt, weil das Reisen im Moment sehr kompliziert ist. Die Turniere sind schon seit einiger Zeit abgesagt worden. Zum Glück unterrichte ich immer noch und das Gute ist, dass alle Pferde zu Hause wirklich in die nächsten Level hineinwachsen und alle, Familie und Pferde, gesund sind.

Magic StablesKannst du anderen Profi-Reitställen noch Tipps/Empfehlungen geben was ihr (wie) umgesetzt habt um Abläufe oder die Erreichung von Zielsetzungen zu optimieren?

Ich denke, ein guter Trainingsplan ist super wichtig, Abwechslung im Training. Genügend Spaziergänge, wir bringen die Pferde nie direkt auf die Weide oder den Paddock, sie werden immer durch Reiten oder Spaziergänge aufgewärmt, um Verletzungen vorzubeugen. Außerdem ist der richtige Fütterungsplan wichtig und eine gute Qualität des Futters. Auf diese Weise bekommen sie nicht so leicht so etwas wie Koliken. Wenn die Pferde dies häufig bekommen, ist es vielleicht eine gute Idee, Ihren Fütterungsplan zu überdenken. Bevor man Ergebnisse erzielen kann, müssen die Grundlagen gut sein.

Danke, Justine, für diese Einblicke und ebenfalls vielen Dank an Helena für diesen informativen Beitrag!


Helena ist 24 Jahre alt und eine leidenschaftliche Reiterin. Ihr könnt sie und ihren Albus unter @dressurpferdetimmermann auf Instagram finden.